Warum Graphic Novel statt dem Buch?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber als ich das Comicgenre für mich entdeckt habe und in die Weiten der Graphic Novels vorgedrungen bin, habe ich festgestellt, dass dieses Medium eine fantastische Möglichkeit ist, die Klassiker der Weltliteratur nachzuholen, die ich während meiner Schulzeit zwar lesen sollte, aber dennoch prinzipiell verschmäht habe. Zugegeben, an Faust habe ich mich – trotz Comicumsetzung – immer noch nicht wieder heran gewagt, aber wer weiß, auf was ich mich zukünftig noch so einlasse.

Um dieses Defizit an verpassten Literaturklassikern nachzuholen habe ich mich auch freudig auf das Experiment „Buchklub“ eingelassen, in dem wir als Freunde gemeinsam Bücher lesen und anschließend diskutieren. Nach „Farm der Tiere“, „Schöne neue Welt“, „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ und „Der Fänger im Roggen“ wurde gemeinschaftlich beschlossen, dass es auch mal Zeit wäre für ein etwas aufmunternderes Buch. Somit konnte ich wohl schlecht vorschlagen einen weiteren Klassiker von George Orwell zu lesen. 

Also musste ich mich selbst daran wagen. Wie passend, dass genau zu diesem Zeitpunkt, sowohl der Knesebeck Verlag, als auch der Splitter Verlag beschlossen haben eine hochwertige Hardcover Version von „1984“ auf den Markt zu bringen. Man kennt das Phänomen bereits aus dem Filmbereich.  „Edison – Ein Leben voller Licht“ und „Tesla“, „Goodbye Christopher Robin“ und „Christopher Robin“, „Olympus has Fallen“ und „White House Down“, „Freundschaft Plus“ und „Freunde mit gewissen Vorzügen“. Zwei Ideen entstehen nahezu zeitgleich und stehen am Ende des Tages in Konkurrenz zueinander.

Die Qual der Wahl

So stand ich nun also auch bei den beiden Ausgaben von 1984 vor der Frage, welches Exemplar den Weg in mein Regal finden würde. 
Ergebnis? 
Beide.

Photoshopmix der beiden Ausgaben inkl. Comic-Marne

Und zwar weil ich wissen wollte, worin der Unterschied besteht, was beide gemeinsam haben, welcher Band mir besser gefällt und vor allem warum. Das Resumé erhaltet ihr in den folgenden Zeilen, damit ihr euch vorab ein Bild machen könnt welche Ausgabe euch selbst eher zusagt.

Der Artikel kann gut und gerne als unbezahlte Werbung bezeichnet werden, aber hey – immer wenn man über etwas redet, was einem gefällt (oder nicht gefällt) ist das Werbung. Da ich aber von niemandem bezahlt werde, um irgendetwas zu bewerben, kann ich hier einfach frei und ungefiltert meine Meinung darlegen. Und damit starten wir jetzt einfach mal.

Der direkte Vergleich

Nun, 1984 ist ein dystopischer Roman in dem die Hauptfigur Winston damit hadert sich gegen das Regime aufzulehnen, schließlich hat er oft genug gesehen, was dann passiert.

1. Das Titelcover

Das erste Entscheidungskriterium ist völlig unabhängig vom Titel, von der Story oder vom Autor selbstverständlich das Titelcover. Denn, sind wir mal ganz ehrlich, ohne ansprechendes Cover ist die entsprechende Graphic Novel gleich nur noch halb so interessant, völlig egal welche Abenteuer der Inhalt für uns bereit halten mag.
Es gilt, in der endlosen Menge an Titeln hervorzustechen und einen entscheidenden Eindruck zu generieren.
Die Knesebeck Variante generiert mit dem übermächtigen Gesicht des „Großen Bruders“ im gefährlichen Rot-Ton direkt einen Blickfang, der auch bereits auf die verfallene Welt und die Unterdrückung des Protagonisten hindeutet. Der Splitterverlag bewirbt 1984 hingegen mit dem bereits in der Popkultur verankerten Slogan „Big Brother is watching you“ und dem übermächtig strahlenden und einschüchterndem Gesicht eben jenes „Großen Bruders“.

2. Der Geruch

Der zweite Punkt, der aus meiner Sicht entscheidend zur Beliebtheit einer Comicreihe oder eines einzelnen Bandes beiträgt, ist der Moment, in dem man das Buch zum ersten mal aufschlägt und sein Gesicht tief zwischen den Seiten eintauchen lässt. Der Geruch eines frischen Comicbandes kann fast nur noch vom Geruch frischer Croissants am Morgen übertroffen werden. Und egal für welchen der beiden Bände ihr euch entscheidet, in diesem Punkt könnt ihr nichts falsch machen, denn beide riechen fantastisch.

3. Die graphische Umsetzung

Doch kommen wir zu den entscheidenden Inhaltspunkten, schließlich wollt ihr wissen ob beide Bände eine Daseinsberechtigung haben und nicht, wie gut Papier mit viel Farbe riecht.
Aber in eben jener Farbe liegt auch schon einer der wichtigsten Unterschiede. Denn in der Knesebeck-Ausgabe haben sich Jean-Christophe Derrien und Rémi Torregrossa trotz (oder gerade wegen) des einschüchterndem Rot auf dem Coverbild, dazu entschlossen, die Geschichte vollständig in schwarz weiß zu erzählen, wodurch die eingeschränkte Kreativität und das Verbot von eigenständigem Denken subtil hervorgehoben wird. Lediglich in den kurzen Momenten in den sich eine Art Widerstand und ein Hauch von Freiheit erhebt, stechen einzelne Elemente farblich heraus. Sei es ein Glas Absinth (ich habe es ursprünglich für Pfeffi gehalten) oder der geheimnisvolle Inhalt eines Aktenkoffers. Auf diese Art und Weise ist man auf jede neue Seite gespannt um zu erfahren ob und wie der Aufstand erblüht.

1984-Cover vom Knesebeck-Verlag

Im Gegensatz dazu kann man die Umsetzung von Sybille Titeux de la Croix und Amazing Ameziane (fantastischer Name by the way) allerdings trotz farblicher Gestaltung nun wirklich nicht als bunt bezeichnen. In einer grauen Welt, die von Unterdrückung erzählt, sind knallige Farben eine absolute Ausnahme. Stattdessen wird viel mit Grautönen, braun und mattem blau gearbeitet. Jenes blau, das auch in Filmen oft verwendet wird um zu zeigen, dass die Charaktere viel Zeit vor ihren Bildschirmen verbringen und ihre Gesichter in künstliches blaues Licht getaucht sind. Im Falle von 1984 ist das aber nun kein selbstgewähltes Schicksal, sondern symbolisiert die allgegenwärtige Anwesenheit einer höheren Macht, die durch Telebildschirme jeden Schritt ihrer Untertanen überwacht.

1984-Cover vom Splitter-Verlag

Beide Bände fangen so die bedrückende Atmosphäre auf ihre eigene Weise authentisch ein.

4. Die Story

Inhaltlich ergeben sich kleinere Abweichungen voneinander. Welche Version sich näher an der Originalvorlage orientiert hat, kann ich leider nicht sagen. Wie bereits erwähnt versuche ich das angesprochene Literaturklassikerdefizit durch Comicadaptionen auszugleichen. Doch ich denke, den Grundton von 1984 durch diese beiden Ausgaben ganz gut verstanden und auch einen eindringlichen Blick in die von George Orwell erschaffene Welt bekommen zu haben. 

Insbesondere im Knesebeckband wird noch deutlich mehr von dieser verfallenen Welt gezeigt. Der Band setzt nach meinem Eindruck voraus, dass man das Buch bereits kennt, denn obwohl die Funktionalität des gesamten Systems inkl. Winstons Arbeit erläutert wird, steigt man hier deutlich schneller ins Geschehen ein und lässt sich auch am Ende nicht viel Zeit. Das abrupte Ende hinterlässt durchaus einen einprägsamen Eindruck, allerdings bleiben auch hier und da noch ein paar Fragen offen.

Die Splitterumsetzung hat mit knapp 100 Seiten mehr, natürlich auch viel mehr Zeit, um Erklärungen zu liefern. So habe ich viel tiefere Einblicke in Winstons Gefühls- und Gedankenwelt gewährt bekommen und konnte die im Knesebeckband implizierten Anspielungen für mich selbst verifizieren. Allein beim Einstieg wird ausreichend erklärt, was gerade vor sich geht, so dass auch Buch-nicht-Kenner lückenlos folgen können. Neben den Grundlagen und Voraussetzungen werden aber auch die Auswirkungen der Handlungen deutlich drastischer dargestellt. Ok, in beiden Bänden wird klar, dass die Welt in 1984 keinen Ponyhof darstellt und ein Widersetzen gegen die Regierung erbarmungslose Folgen haben wird, aber in der Splitterausgabe wird die psychische und physische Gewalt und Folter deutlich präsenter inszeniert. Jedoch bleiben auch hier einige Fragezeichen zurück, beispielsweise weiß ich immer noch nicht, warum auf den Uhren das Zifferblatt bis zur 13 geht. – Schlaue Menschen haben sicherlich schon tiefgründige Analyse durchgeführt (und antworten mir vielleicht) – Ich jedoch, schreibe hier nur meine paar unwissenden Zeilen auf. 

1984 vom Splitter-Verlag, Seite 12

Fazit

Und davon sollen es langsam auch genug gewesen sein. Als grobes Fazit würde ich sagen, wenn man die Vorlage nicht kennt, bietet sich der dickere Splitterband vermutlich etwas besser an. Mir persönlich hat der Zeichenstil des Knesebeckbandes etwas mehr zugesagt.
Letzten Endes sind aber beide Varianten kein Griff ins Klo und dürfen getrost den Weg ins heimische Comicregal finden. In meinem Fall bin ich sogar froh beide Ausgaben gelesen zu haben.

Beweisfoto – Beide Ausgaben stehen im Regal

Nachtrag

Wie das Leben manchmal so spielt, treffen kurz vor Fertigstellung eines langwierigen Blogartikels manchmal neue Informationen ein, die alles nochmal über den Haufen werfen könnten – denn na klar, wenn zwei sich streiten freut sich der dritte – und so hat die „Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company“ ebenfalls noch eine eigene 1984-Variante rausgeballert. Fido Nesto saß in diesem Fall am Zeichenbrett und hat Winston graphisch in Szene gesetzt. Der Band ist bisher nur auf englisch erschienen aber ich konnte in einem größeren Buchladen (psst nicht verraten – ist ja keine Bibliothek) einen Blick hinein werfen. Inhaltlich wirkt der Band ähnlich gehaltvoll, wie die Splitterausgabe, jedoch sind die Zeichnungen im Gegensatz zum stylischen Cover, deutlich „unsauberer“ und kreieren damit zwar durchaus einen eigenen Stil, meinen Geschmack hat es aber nicht getroffen und somit verbleibe ich mit zwei statt drei Graphic Novel Bänden im Regal und bin damit durchaus zufrieden.

1984-Cover der Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company



1984 als Graphic Novel – Die Qual der Wahl

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2 Gedanken zu „1984 als Graphic Novel – Die Qual der Wahl

    1. Danke für das Feedback 🙂 Ich bin mir nicht sicher, ob es dafür wirklich eine Erklärung gibt, weil es im Comic nie direkt angesprochen wird und auch nur in einer der beiden Ausgaben überhaupt zu sehen ist

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