Iron Man, Thor, Captain America, Spider-Man. Wer kennt sie nicht, die großen schillernden Superhelden aus dem Marveluniversum. Immer größer wird die Welt des MCU und immer unbekanntere Charaktere schaffen den Sprung auf die große Leinwand. Aber könnt ihr euch vorstellen, wie verrückt sich die Beschreibung der Superhelden angehört haben muss, als diese zum ersten Mal in einem Comicheft erschienen sind?

„Ja also da ist dieser Typ, bei dem ist ein Experiment schief gegangen und seitdem wird der immer grün, wenn er wütend ist. Aber der ist auch super stark und hat dann nur noch eine zerrissene Hose an. Und dann gibt’s da diese Truppe von Weltraumaussässigen. Einer ist ein sprechender Waschbär und einer ist ein Baum. Der kann auch sprechen, aber nur seinen eigenen Namen.“

Klingt jetzt nicht unbedingt nach einem Millionen-Doller Franchise, aber hey Vieles hat mal verrückt angefangen. Und genauso etwas Verrücktes möchte ich euch heute vorstellen:

Die Victorians!

Gruppenbild der Victorians – ® SMC

Vor einigen Monaten hat mich SickMediaComics angeschrieben und gefragt, ob ich unentgeltlich Lust hätte ein paar Comics zu reviewen. What? Meine erste offiziell angefragte Review? Wie könnte man dazu nein sagen? Also wurde mir jeweils die erste Ausgabe der Comics kostenfrei zur Verfügung gestellt. Und bereits zu Beginn schon mal ein kleiner Spoiler vorneweg: An Verrücktheit stehen die „Victorians“ ihren Vorgängern in nichts nach.

Über SickMediaComics

Doch starten wir erstmal mit SickMediaComics oder kurz „SMC“. Die großen Comicschmieden Marvel und DC sind mittlerweile selbst Menschen ein Begriff, die nie einen Superheldenfilm gesehen haben. SMC steht noch am Anfang dieser Entwicklung und wurde von Tyler M. Smalls ins Leben gerufen. Doch wofür steht SickMediaComics eigentlich?

Sick:

Die gängigen Übersetzungsmedien übersetzen „sick“ mit „krank“, „schlecht“, „makaber“, „geschmacklos“ oder „überdrüssig“. Nicht unbedingt eine Beschreibung, die man sich selbst gerne aufdrücken möchte. Nachdem ich die Comics gelesen habe, würde ich „sick“ deshalb mit meiner eigenen Interpretation „krass“ übersetzen. Denn SMC hat die Veranlagung krasse Comics zu machen, oder vielleicht sind es einfach Comics für krasse Leute.

Media:

Grundsätzlich sind Superhelden ja schon längst kein Nischenprodukt mehr. Schaut einfach mal in euer lokales Kinoprogramm und versucht einen Tag zu finden, an dem kein Superheldenfilm gezeigt wird. Für SMC war es also längst überfällig, ihre eigenen Helden, die „Victorians“ ins Spiel zu bringen, die euch eine ganz neue Erfahrung bringen wollen.

Comics:

Tyler sagt selbst, dass er es einfach liebt Comics zu machen, und glücklich ist, genau das seit 2019 tun zu können und es auch für immer tun will.

Bei SMC, gibt es eigenen Aussagen zufolge nur einen einzigen Autor. Tyler M. Smalls. Gemeinsam mit den Zeichnern Carl Wiles, Rabart Moissan, Green Leaf, Dalibor Dado Pehar, Leonardo Rocha und dem Coloristen Renan Lino bildet er das kreative Team hinter den „Victorians“.

Jede Reihe an der Tyler aktuell arbeitet, wird mit 4 Ausgaben abgeschlossen sein. Danach wird er die Feder an andere Autoren übergeben, die sich durch die Grundgeschichte mit den Charakteren vertraut machen können und ihre Geschichte weitererzählen werden.

Es ist aktuell geplant, die Ausgaben auch in anderen Sprachen herauszubringen, bisher fehlen aber noch die nötigen Übersetzer*innen.

Wenn ihr neben den Erstausgaben der Avengers auch die Victorians im Schrank haben wollt, müsst ihr dafür zwar keine unbezahlbaren Summen auf den Tisch legen, allerdings müsst ihr erstmal bis nach San Francisco reisen, denn die Ausgaben sind nur in limitierten regionalen Comic Läden erhältlich.

Doch nun kommen wir mal zu den Helden, die die Francisco Bay Area vor dem Unheil bewahren wollen.

Die Comics

Pro-Volume – The Last Victorian

Nachdem Dr. Mechanic nicht zur Bürgermeisterin gewählt wurde, will sie den Bürgern und Bürgerinnen von San Francisco zeigen, welch schrecklichen Fehler sie begangen haben. Ihre Roboterarmee, angeführt von dem unbesiegbaren „Red Crusher“ soll die Stadt unter ihre Kontrolle bringen. Doch zum Glück ist Pro-Volume bereits unterwegs, um diese Pläne zu durchkreuzen. Sie kann sich nicht nur an andere Orte projizieren, sondern auch Schallwellen als Waffen einsetzen und ganze Wände zum Einsturz bringen. Dabei bleibt natürlich trotzdem Zeit coole Sprüche raushauen.

One-Liner von Pro-Volume kurz vor dem Angriff – ® SMC

Über die Motivation und Gefühlswelt der einzelnen Charaktere erfahren wir in der ersten Ausgabe noch nicht viel, aber grundsätzlich wird der Fokus zu Beginn natürlich erstmal auf Action gelegt, bevor wir mit fortschreitender Handlung auch mehr Hintergrundinformationen bekommen. Pro-Volumes Angewohnheit, bei jedem Angriff, den Namen der Attacke herauszuschreien ist nicht nur mir aufgefallen. Diesen „Volume Punch!“-Schrei finden sogar ihre Gegner etwas ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher ist allerdings die Reaktion auf die Zerstörung von persönlichem Eigentum.

Dr. Mechanic muss wohl zukünftig auf eine Armbanduhr zurückgreifen – ® SMC

Pro-Volume spielt mit den klassischen Genre Klischees, nimmt sich selbst dabei aber nicht allzu ernst und kann durch diese Mischung aus Action und Komik durchaus punkten. Eine Priese Meta-Humor schadet da natürlich ganz und gar nicht.

Wolf Claw – Kontroverse Rassismuskritik

Zu Beginn von „Wolf Claw“ sehen wir Richard J, der in einem gewöhnlichen Bürojob arbeitet. Jedoch sieht er sich ständig den rassistischen Ansichten seines Chefs ausgesetzt. Dieser ruft ihn eines Tages in sein Büro und will ihn entlassen, weil sich die anderen Mitarbeiter durch seine Anwesenheit unwohl fühlen. Nach Richards kurzem Protest stürmen zwei Sicherheitsangestellte mit scharfen Waffen im Anschlag hinein, die ihn wegen Waffen- und Kokainbesitz gewaltsam aus dem Gebäude entfernen. Doch genau in diesem Moment taucht „Magnesium“ auf und lässt „Das Biest“ frei.

Richard J. war wohl doch unbewaffnet. Upps. – ® SMC

In dieser Situation kann natürlich nur noch die Beast Control helfen, die auch sofort Unterstützung durch den Blue Samurai anfordern. Und dieser hat meiner Meinung nach den besten Catch-Phrase, den man sich nur vorstellen kann. Von nun an werde ich nie wieder vergessen, was die Farbe des Samurai ist.

Blue Samurai und sein Catchphrase – ® SMC

Von unterschwelliger Rassismuskritik kann in „Wolf Claw“ definitiv keine Rede mehr sein. Stattdessen bekommen wir das ganze schön ins Gesicht gedrückt, wie man es bei Hunden macht, wenn sie ihren Haufen am falschen Platz hinterlassen. Ohne großes Vorgeplänkel werden dem Protagonist sämtliche Vorurteile entgegen geworfen, die man sich nur vorstellen kann. Dennoch kann man sagen „lieber arm dran, als Arm ab“, denn durch das Biest verliert Richards Peiniger eben jenen Arm. Zumindest sofern ich die Darstellungen der Charaktere korrekt gedeutet habe. Denn das größte Manko ist wohl, dass man die einzelnen Personen nicht immer auseinanderhalten kann, besonders wenn die gleiche Figur zwei Mal im gleichen Panel zu sein scheint. Eine Sprechblase ist sogar der falschen Person zugeordnet, und ich habe mich unnötig lange gefragt, warum der Beast Control Agent denn gleichzeitig so verwirrt und dennoch sehr bestimmt ist.

Verwirrende Sprechblasen in „Wolf Claw“ – ® SMC

Die Fragen, die sich Richard (oder der Agent) gerade stellt und was Richard mit der ganzen Sache am Hut hat, dürft ihr aber gern selbst heraus finden. Mal sehen ob ihr am Ende weniger verwirrt seid als ich.

Lafairy – Die Feensitterin

Während Pro-Volume gegen mächtige Roboter kämpft, quält sich Emonica durch ihr Philosophiestudium in der Berkeley State University. Von Zauberkräften allein kann man schließlich nicht leben. Gleichzeitig öffnet sich unter der Erde ein Portal zu einer anderen Dimension, die „Dynamic Dimension“. Wie weitläufig bekannt sein dürfte, haben die Ägypter bereits vor 3000 Jahren ein Portal in eine andere Dimension geschaffen. Dort existieren sowohl fliegende Autos als auch endlos erneuerbare Energiequellen. Nun hat sich das Portal also erneut geöffnet. Doch „Anubious“ die Königin der Dunkelheit und Enkelin von Kleopatra will ihr Wissen nicht mit der Menschheit teilen, sondern den Erdenanführer vernichten, um die neue Herrscherin zu werden. Ein Teil ihres Plans besteht darin, Menschen in Wölfe zu verwandeln.

Who, who, who, who, who? – ® SMC

Gut, dass Emonica aka. Lefairy mächtige Feen beschwören kann, deren Kräfte auf den Grundelementen Feuer, Eis, Erde und Wind basieren. Schlecht, dass sich die Feen hauptsächlich am Chaos erfreuen und nur unter Zwang das tun, was Lefairy von ihnen will.

Lafairy und die Eis-Fee Icesairy – ® SMC

Die Tatsache, dass Lefairy nicht einfach über übermenschliche Kräfte verfügen kann, sondern diese von Feen erhalten muss, die sich eher wie genervte Teenager benehmen macht den Comic durchaus interessant und die Anspielungen an das (zur Zeit der Entstehung der Comics) aktuelle Zeitgeschehen sorgen für einen Ansatz mit dem man sich identifizieren kann. Großes Highlight ist die „Power Rangers Transformation“, die alle Feen gemeinsam mit Emonica vollziehen können, sofern ihnen der Sinn danach steht.

Black Cosmic and Sunkid – Rush Hour on Hard Mode

Nach Roboterarmeen, Werwölfen und Teenie-Feen kommen wir zum vermutlich „sickesten“ Comic von SMC. Denn in Black Cosmic and Sunkid nehmen es der Feuerbälle schießende Sunkid und der Portale öffnende Black Cosmic mit einer wildgewordenen Verkehrsampel auf. Als Albtraum jedes Berufsverkehrsfahrers kann er den Verkehr kontrollieren und die Straßenschilder ändern. Sein Kopf ist eine Ampel, seine Brust ist ein Andreaskreuz und er hat einen gigantischen Stab mit einem Stoppschild an der Spitze. Ich weiß es klingt verrückt, aber es stimmt.

Ein Dämon sorgt in „Black Cosmic“ für Verkehrschaos – ® SMC
Black Cosmic und Sunkid haben alle Hände voll zu tun – ® SMC

Glücklicherweise kann sich Black Cosmic immer Rat bei seinem ansässigen Pastor holen. Dieser dient als „Alfred“ Charakter und so finden Sie heraus, dass ein Dämon aus der Hölle Besitz von dieser Verkehrsampel genommen hat. Die Helden bekommen also einige Autos um die Ohren geworfen, unzählige Verkehrsjokes und Oprah-Anspielungen inklusive. Auch hier erfahren wir noch keine Hintergründe über die Protagonisten, aber die Firevision von Sunkid scheint sich zu lohnen.

Sunkid konnte seine Firevision noch nicht einsetzen – ® SMC

Wie die beiden ihre Kräfte nutzen, um gegen ihren Gegner anzutreten und welche weiteren besessenen Alltagsgegenstände zum Leben erwachen, bleibt abzuwarten.

Zapster and Diminition – Übermenschliche Familienprobleme

Was auf den ersten Blick auffällt, ist dass sich der Zeichenstil von „Zapster und Diminition“ optisch von den anderen Reihen abhebt. Hier bringt Dalibor Dado Pehar klar seinen eigenen Stil mit ein, der gleichzeitig unruhig und sehr lebhaft erscheint. Die beiden Helden haben elektrische Kräfte und telekinetische Fähigkeiten. Auf diese Weise ist es Diminition möglich, während eines Kampfes mit Death Lee, Zapsters Onkel aus China, einfach mal die Golden Gate Bridge umzuplatzieren.

Ingenieurarbeit leicht gemacht mit Diminition – ® SMC

Mit den Fähigkeiten, die die beiden besitzen, fällt es schwer sich noch mit den Problemen zu beschäftigen, die Normalbürger durch ihre ausufernden Kämpfe erdulden müssen. Da verliert man schonmal die Bodenhaftung und den Bezug zur Realität. Und neben dem Superheldenalltag sind die beiden auch ein ganz gewöhnliches Ehepaar, die sich früher oder später wohl auch mit ihren Eheproblemen auseinandersetzen müssen.

Auch Superhelden haben Beziehungsprobleme – ® SMC

Shikha – Beschützerin von Leben und Tod

Zu Guter Letzt kommen wir zu Shika, einer ausgestoßenen Alien. Und hier werden wir direkt in einen wilden Kampf in den „Know Matter Realm (Realm of Confusion and War)“ hineingeworfen, in dem das Tierimperium dem Maschinen Königreich gegenübersteht. Der Krieg um die Territorien wird bereits seit 1.000 Jahren geführt.

Manche Menschen können sich in „Shikha“ in Flugwesen verwandeln – ® SMC

Die Bewohner des Tierimperiums besitzen die Fähigkeit sich von ihrer menschlichen Gestalt in Tierkämpfer, wie den „Great Land Lion“ oder den „Super Whale“ zu verwandeln. Einzig Shikha ist nicht zu dieser Verwandlung fähig. Dafür arbeitet sie in der Basis des Tierimperiums, dem „Super Animal Vektor“ an einem Experiment, mit dem sie „Grand Power“ den Anführer der Maschinen endlich besiegen könnten.

Shikha gibt nicht auf – ® SMC

Tatsächlich kann man Shikha von allen 6 Reihen am ehesten als Origin-Story bezeichnen, da wir hier die Auferstehung einer neuen Superheldin miterleben und uns der Gesamtkonflikt zwischen den einzelnen Figuren erklärt wird. Zudem kommt noch ein interner Verrat und ein emotionaler Verlust und schon haben wir das Comichelden 1 Mal 1 komplett.

Fazit

Anders als bei den großen Konkurrenten, spielen weibliche und diverse Charaktere bereits zu Beginn eine große Rolle. Anders könnte man heutzutage wohl auch kaum noch den Anschluss finden. Durch die Bildgestaltung, die Ausrichtung der Charaktere, die teils wirre Erzählstruktur erinnern die ersten Ausgaben der einzelnen Victorians durchaus an die frühen Marvelphasen in denen man versucht neue Charaktere zu etablieren und ein Publikum zu finden. Insbesondere für Einheimische aus San Francisco ist das sicherlich ein großer Spaß, eine Superheldentruppe aus Erfurt würde ich mir auch ins Regal stellen. Ob sich das Ganze aber auch in Übersee durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Das wird aber (zunächst) auch nicht das primäre Ziel sein.

Die Comics nehmen lose Bezug aufeinander, sei es durch die Erwähnung von anderen Helden in den Nachrichten oder die Nennung von Orten, die in den verschiedenen Ausgaben eine Rolle spielen. Man kann sich beim Lesen also schon gut vorstellen, wie sich eine Superheldentruppe zusammenschließt, um als „Victorians“ Crossover-Abenteuer zu erleben.

Mir hat das Lesen der einzelnen Ausgaben durchaus Spaß gemacht, auch wenn ich hin und wieder Probleme hatte, die Handlung nachzuvollziehen. Ab Februar kommen jeweils die zweiten Ausgaben heraus, wenn ihr also Interesse daran habt, in eine der Reihen rein zu lesen, könnt ihr diese digital bei SMC erwerben.

Ihr findet SMC unter anderem auf Instagram, Facebook und Youtube und könnt dort den Aufstieg der San Franciso Bay Area miterleben.

Die Victorians – Von diesen Comichelden habt ihr noch nie gehört!

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