Der 29. September 2013 war ein sehr sentimentaler Tag für alle Fans von Breaking Bad, einer der – auch heute noch – besten Dramaserien die jemals über unsere Bildschirme flimmerte. Wir mussten uns in der finalen Folge der fünften Staffel von den letzten Verbliebenen der uns über fast 6 Jahre ans Herz gewachsenen (oder zutiefst verhassten) Charaktere verabschieden. Egal ob man Sympathie oder tiefe Antipathie gegenüber Hauptfigur Walter White empfunden hat, man konnte sich dem Bann der Serie kaum entziehen. So verfolgten wir über 62 Folgen, wie sich der krebskranke Chemielehrer Mr. White zum mächtigen Drogenbaron Heisenberg aufschwingt. Doch Breaking Bad war nicht nur die Lebensgeschichte von Walter White. Sie war auch die Leidensgeschichte von Jesse Pinkman. Er ermöglichte es schließlich überhaupt erst, dass unser Protagonist (oder Antagonist) ins Drogengeschäft einsteigen konnte. Und er war es auch, der wohl am meisten unter den Auswirkungen von Walters Handeln zu leiden hatte. Während Walters Geschichte in der letzten Folge sein Ende fand, reitet der wahre Sympathieträger Jesse in den Sonnenuntergang. Happy End. Nun, zumindest ein Breaking-Bad-mäßiges Happy End. Denn auch wenn wir durch stetige Hochspannung angeheizt wurden, wirklich glücklich ließ uns die Serie nie zurück. Und ich muss leider sagen: Genau das ist das Problem von El Camino.

El Camino ist nicht Breaking Bad

So gern man über Breaking Bad spricht, so einzigartig die Erzählstruktur, so durchdacht einzelne Kameraeinstellungen und Szenenübergänge sind, El Camino ist nicht Breaking Bad. El Camino ist „A Breaking Bad Movie“. Und so wie jedermann weiß, dass „A Star Wars Story“ (und vermutlich relativ bald „A Walking Dead Story“) Filme für Fans, bereits etablierter Marken sind, ist auch El Camino ein Film einzig für Breaking Bad Fans. Daraus wurde von vornherein kein Hehl gemacht. Wenn Serienschöpfer Vince Gilligan in einem Interview kurz vor Veröffentlichung des Films sagt, „wir werden keine Zeit darauf verwenden die bisherige Geschichte von Breaking Bad zu erklären“, dann stimmt das. Und das ist auch völlig richtig so.

Doch kommen wir zum eigentlichen Film

Ich muss eingestehen, bevor die Meldung veröffentlicht wurde, dass ein Breaking Bad Film bereits abgedreht ist und schon bald auf Netflix zur Verfügung stehen würde, habe ich nie darüber nachgedacht, wie Jesses Geschichte wohl weiterverlaufen ist. Irgendwie wird er wohl untertauchen, seine Narben werden mit der Zeit verheilen und er kann ein hoffentlich ruhigeres Leben genießen, als es ihm bisher vergönnt war. Doch wie genau er an diesen Punkt gelangt, erfahren wir in den 122 El-Camino-Minuten. Im Großen und Ganzen fühlt sich der Film an, wie eine sehr lange BB-Episode. Leider muss man dazu sagen, dass es sich dabei um eine eher mittelmäßige Folge handeln würde. Allerdings weit entfernt von der, von vielen Fans als schlechteste Folge bezeichnete „Die Fliege“. Der Film hat durchaus gute Momente, aber definitiv auch seine Längen. Zu den besten Momenten zählen hauptsächlich die ersten 20 Minuten. Das liegt zum Einen daran, dass man direkt wieder im Breaking-Bad-Feeling angekommen ist. Innerhalb der ersten Schnitte stellt man fest: In den letzten 6 Jahren hat einfach etwas gefehlt. Denn abgesehen vom Spin-Off „Better Caul Saul“, das von seinem Handlungsaufbau ja nochmal ein ganzes Stück ruhiger ist als die Mutterserie, gab es einfach nichts Vergleichbares. Zum Anderen liegt es ohne Zweifel auch an den Cameoauftritten von zwei bekannten Charakteren, die bereits den frühen Höhepunkt des Films bilden. Wir erleben einen zutiefst verstörten Jesse Pinkman. Einen Jesse Pinkman, der nicht nur äußerlich Wunden davongetragen hat, die nie mehr vollständig heilen werden. Einen Jesse Pinkman, der nie mehr so sein wird, wie er vorher war. Doch dann, nach einer heißen Dusche, wird er gefragt, ob er sich nun wie ein neuer Mensch fühle. Und genauso erscheint es plötzlich. Von da an wirft er alle emotionalen Probleme restlos über Bord. Ab diesem Zeitpunkt verliert der Film bereits an Spannung. Denn wenn Jesse eine halbe Stunde mit seiner „Suchaktion“ verbringt, ist das für den Zuschauer verlorene Zeit. Ich will damit nicht behaupten, dass Breaking Bad ein rasantes Spektakel war, ganz im Gegenteil. Der gefühlt gemächliche Aufbau bis hin zum tatsächlichen Höhepunkt war enorm wichtig für die Popularität der Serie und ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. In einem zweistündigen Film weiß man dies aber weniger zu schätzen, als in einer Folge einer 13 teiligen Staffel. So richtig beginnt die Handlung dann erst nach der Hälfte des Films. Und auch diese Handlung ist leider nicht so großartig wie man es sich erhoffen würde. Der große Showdown im letzten Drittel wirkt letztlich einfach nur unnötig konstruiert. Statt dieser Nebenhandlung hätte ich mir persönlich das Auftreten eines Charakters gewünscht, der (gefühlt als einziger) leider keinen Cameoauftritt bekommen hat. Ich sagte bereits El Camino ist ein Film für Fans. Ein Film, der mit Cameoauftritten bereits vergangener Publikumslieblinge vollgestopft wurde. Ob es nun zur Handlung passt oder nicht. (Spoiler: In den meisten Fällen passt es nicht). Natürlich wollen wir Walter wiedersehen, natürlich brauchen wir Mike Ehrmanntraut und natürlich müssen weitere enge Vertraute aus Jesses Leben Platz im Film haben. Aber wir wollen sie als emotionale Anker. Wir wollen, dass Jesse durch sie oder sogar mit ihnen vorangetrieben wird, und sei es auch nur in Rückblenden. Letztendlich tauchen die meisten aber in Situationen auf, die keinen Zusammenhang zum Verlauf des Films haben. Weder narrativ noch emotional. Und das ist es, warum das Gesamtkonzept nicht aufgeht. Wenn in den Nachrichten erwähnt wird, dass sich eine Frau im Krankenhaus von ihrer Vergiftung erholt und es vielleicht überlebt, ist zwar relativ klar, dass es sich um Lydia handelt, aber weder interessiert es einen der Charaktere, noch nimmt es in irgendeiner Weise Einfluss auf die Handlung. Die vielen dazwischen geschnittenen Cameos haben somit den gleichen Effekt, wie die viel zu präsente Vogelspinne. Sie sind da. Mehr nicht.

Fazit

Aber auch, wenn sich das alles recht negativ anhört, ist es dennoch kein schlechter Film. Unabhängig von der Handlung ist herauszustellen, dass die Bildsprache abermals herausragend ist. Die Macher haben nichts ihres filmischen Auges eingebüßt. Aaron Paul zeigt schauspielerisch wieder, warum seine Figur Jesse eben nicht nach der ersten Staffel abserviert wurde, wie es eigentlich vorgesehen war, sondern es nun bis zu einem eigenen Film geschafft hat. Zudem rundet das Ende des Films ohne Frage das Ende der Serie ab. Jesses Story wurde um ein weiteres Kapitel erweitert. Aber es fühlt sich dennoch nicht so an, als wären wir am Ende angekommen. Denn so sehr unterscheidet sich das Filmende ja gar nicht vom Serienende. Unser Sympathieträger reitet abermals dem Sonnenuntergang entgegen. Vielleicht fühlt es sich auch deshalb so an, als hätte man einen guten Freund seit Jahren wiedergetroffen, aber anstatt einen Abend wie früher zu genießen, unterhält man sich 10 Minuten und jeder geht wieder seiner Wege. Man wird mit dem Gefühl zurückgelassen, „eigentlich hätte ich es nicht gebraucht“.

Auch wenn „El Camino“ nicht nur für Jesses Auto, sondern auch für seinen „Weg“ steht, bleibt dennoch die Frage, ob „El Tarántula“ nicht ein viel besserer Titel gewesen wäre.

RIP Sonia #morethanacleaninglady #goodluckmrdriscoll

El Camino – Ein Film für Fans

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